Eine Ära ist zu Ende: der 6190 Meter hohe Mount McKinley ist nicht länger höchster Berg des nordamerikanischen Kontinents. Es war aber weder ein Rechenfehler, noch ein jüngerer Emporkömmling mit sagenhafter Wachstumsrate, der den Berg aus dem Kreise der Seven Summits kegelte - der McKinley wurde lediglich „Opfer“ seines indigenen Alter Egos.
Ein innerer Kampf, der bereits lange brodelte: denn schon 40 Jahre bevor US-Präsident Barrack Obama im August 2015 die Namensänderung auch bundesrechtlich durchwinkte, verwendeten Publikationen des Staates Alaska, aus Respekt und zur Rückbesinnung auf natives Erbe, den ursprünglichen Eigennamen des Mount McKinley: Denali.
Zum alaskischen Alleingang kam es, weil die seit den Siebzigerjahren angedachte Namensänderung auf Bundesebene am Widerstand des Bundesstaates Ohio scheiterte. Wer sich nun fragt, was einem Staat im mittleren Westen der USA am Namen eines viertausend Meilen entfernten Berges gelegen ist: nun, das kam so…
1897 betitelte ein goldfiebriger Glücksritter, der durch Zentralalaska streifte, den vermeintlich namenlosen Gipfel nach dem Gouverneur von Ohio, William McKinley. Eine Art Wahlkampfhilfe, denn der Republikaner McKinley schickte sich an, Präsident der Vereinigten Staaten zu werden. Also in etwa so, als würde heute jemand einen bis dato weithin unbekannten Himalaya-Gipfel Mt. Trump taufen. Tatsächlich setzte sich McKinley gegen den Demokraten William Jennings Bryan durch. Unter seiner Präsidentschaft annektierten die USA Hawai’i und besetzten unter anderem die Pazifikinsel Guam, um nur zwei Ereignisse zu nennen, die noch heute von Bestand sind. Im November 1900 wurde er im Amt bestätigt und in eine zweite Amtszeit gewählt. Die endete allerdings nach einem halben Jahr jäh und mit (nicht nur) einem großen Knall: beim Besuch der Weltausstellung in Buffalo am 6. September 1901 streckte ein Anarchist McKinley mit zwei Schüssen in Brust und Unterleib nieder, acht Tage später erlag der 25. US-Präsident seinen schweren Verletzungen. Erschreckende Parallelen zu jenen Ereignissen also, die dreizehn Jahre später einen Weltenbrand auslösen sollten. Im Gegensatz zum Attentat von Sarajevo lautete das Motto nach dem Mord von Buffalo allerdings recht schnell wieder the show must go on. Den ignoranterweise umbenannten Denali bezeichnete man mit dem Gründungsakt des gleichnamigen Nationalparks im Jahre 1917 nun auch offiziell als Mount McKinley, sah man sich doch außerstande einem Quasi-Märtyrer für Stars’n Stripes diese Ehre zu verwehren. Einerseits ein Tiefschlag für die Athabasken-Indianer, in deren vom Aussterben bedrohter Sprache der Name Denali relativ profan so viel wie „hoher Berg“ bedeutet. Andererseits ein Treppenwitz der Geschichte, denn der Präsident hatte den Eisschrank der USA zu Lebzeiten nie besucht: die Exklave im hohen Norden erhielt erst 1912, elf Jahre nach McKinleys Tod, den Status von US-Territorium, zum 49. Bundesstaat der Vereinigten Staaten wurde es gar erst 1959.
Die Kehrtwende auf Bundesebene erfolgte - nachdem Alaska ja bereits 1975 aus der föderalen Nomenklatura ausgeschert war - im Vorfeld eines auch von US-Präsident Barrack Obama besuchten Klimagipfels in Anchorage. Ob die Umbenennung, angesichts heraufziehender klimatischer Veränderungen, auch als Zeichen des Respekts gegenüber nachhaltigen Lebens und Wirtschaftens der amerikanischen Ureinwohner verstanden werden darf, darüber kann nur gemutmaßt werden.
J. Furtwängler
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