Bury my shoe at wounded knee
Endstation Reindleralm, heißt es für Bergkamerad Dekai und meine Wenigkeit bei unserer ersten Wendelsteinbesteigung: Materialermüdung zwingt uns zum ungeordneten Rückzug. Aber zurück auf Anfang.
Der Dekai ist ein Lebemann, und in seiner Heimat Brannenburg bekannt wie ein bunter Hund. Ein ebenso bunter wie wilder Hund, denn in seiner Freizeit verschießt er schon mal gerne Stahlkugeln mit der Schleuder, baut Marderfallen und schnupft Tabak ebenso wie hin und wieder auch Autos bei der Radlabfahrt über die Sudelfeldstraße.
Überhaupt ist es der Dekai, der mich zum Radlfahren bringt. Schon ein Jahr nachdem ich ihn in der Abschlussklasse kennenlerne, ist er, der bereits damals auf Aktienpaketen von Daimler-Benz und Nokia hockt wie der Drache auf seinem Goldschatz, im Besitz des legendären Tycoon von Steppenwolf. Woraufhin ich mit dem Erwerb des Scott G-Zero FX2 kontere, selbstredend beim gleichen Händler. Konditionell ist mir der Dekai, die wirklich hohen Berge vor der Haustür, allerdings meilenweit voraus.
Doch ein für einen waschechten Brannenburger unverzichtbares To-Do hat der Dekai bis dato versäumt: noch nie hat er den 1838 Meter hohen Wendelstein, einen der Brannenburger Hausberge, per pedes bezwungen.
Eine Scharte, die es auszuwetzen gilt. Und wieder ein Umstand, den wir gemeinsam haben.
So verabreden wir uns zur achten Stunde eines Samstages im Juli zum Gipfelsturm. Zwei Stunden währt unser Aufstieg, beginnend an der Talstation der Wendelsteinbahn. Zwei Stunden, in denen wir uns, nichts Böses ahnend, über Gott und die Welt unterhalten. Bei karger Brotzeit auf einer Bank knapp oberhalb der Reindleralm, am Anfang des Gipfelpfades, bin kurioserweise ich es, der das Malheur bemerkt:
An den ahnungslosen Träger adressierte die Sohle kein Servus, bevor sie sich - Achtung, Wortspiel - auf leisen Sohlen verabschiedete. War es womöglich der „Schinder“, jene berühmt-berüchtigte Steilpassage zwischen dem Haltepunkt Aipl und der Mitteralm, der die innige Beziehung zum Schuh beendete?
Auch wenn mir spontan Charlie Chaplins Festmahl aus dem Stummfilm „Goldfieber“ in den Sinn kommt, ist mir doch innerlich zum Heulen zumute. Den Gipfel zum Greifen nahe, wurde ich um meinen Höhenrausch betrogen; ja erfuhr geradezu den Coitus Interruptus des Berggehens! Kurzzeitig spiele ich mit dem Gedanken, den Sturm auf den Wendelstein im Alleingang fortzusetzen, bevor meine eherne Loyalität wieder die Oberhand gewinnt. Ein Freund, ein guter Freund…That’s what friends are for…Nicht nur die Musikwelt spricht gegen den einsamen Wolf. Auch im Volksmund heißt es bekanntlich: Mitgegangen, mitgehangen - so, wie nun auch die Sohle in der Luft hängt?
„Was tun?“, sprach Zeus. Zwar sind wir nicht auf dem Olymp, ohne Schuhsohle aber ist auch ein Abstieg aus 1400 Metern Höhe kein Zuckerschlecken. Als Kinder der 80’er Jahre kann es für uns nur einen Meister der Improvisation geben, der uns in dieser Situation als Vorbild dient; die Lösung, die uns dazu einfällt, ist aber eher Bear Grylls als McGyver. Während der Held unserer Kindheit wohl um einen selbstgebrauten Superkleber nicht verlegen gewesen wäre, fixieren wir die Sohle auf geradezu lächerlich profane Weise mit dem Schnürsenkel und nehmen den Rückweg in Angriff. Immerhin: noch hat sich die Sohle nicht auf ganzer Fläche gelöst.
Auf dem Rückweg gibt es Butter bei die Fische: der Dekai hat offensichtlich ein schlechtes Gewissen und fühlt sich zu einer Erklärung genötigt. Den Bergstiefel, den hat er sich von seinem Vater ausgeliehen. Unsachgemäß gelagert war der wohl. In einem stickigen, unbelüfteten Raum, bei direkter Sonneneinstrahlung und entsprechenden Temperaturen, bis sich auch der letzte Rest Klebstoff verflüchtigt hat und über die Raumluft geschnüffelt wurde.
Der Weg ins Tal gestaltet sich für den Dekai alles andere als komfortabel, bekanntlich hält aber nichts länger als ein Provisorium. Schwierigkeiten macht eher sein verdammter Stolz, der ihn nun dazu nötigt, bei Begegnungen mit anderen Wanderern das rechte Bein in der Deckung des linken nachzuziehen. Die Scharade hält er aber filmpreisverdächtig aufrecht; in den Mienen der Entgegenkommenden kann ich beim schlechtesten Willen keine Häme, Spott oder Mitleid erkennen. Auf die Befürchtung hin, die Leute hätten sich erst hinter der nächsten Biegung vor Lachen auf dem Boden gerollt, muss ich feststellen, dass wir talwärts weder von menschlichen Kugeln überholt noch überrollt wurden.
Das vielbeschworene Glück im Unglück sorgt wohl dafür, dass sich die Sohle erst auf Höhe von St. Margarethen komplett vom Schuh löst; von hier aus hat der Dekai noch geschätzte zwei Kilometer nach Hause. Ob er es im Nachgang Charlie Chaplin gleichtat und aus dem Schuh ein schmackhaftes Mittagessen bereitete, ist mir nicht bekannt.
MehrDie schlafende Jungfrau
Diese bildhafte Umschreibung für das Wendelsteinmassiv hörte ich das erste Mal im Schuljahr 1996/97 aus dem Mund meines damaligen Kunstlehrers Reinhold Gallus Pichler, seines Zeichens auch namhafter Kreativer aus dem Dunstkreis des Kunstvereins Bad Aibling. Ein erwähnenswertes Faktum, denn auf die Kunst werden wir noch zurückkommen.
Das den Terminus schon die keltischen Bewohner des Landes unter dem Wendelstein gebrauchten, ist mangels schriftlicher Überlieferungen nicht belegbar. Die Verschmelzung elementarer Ikonen mit der Kultur der Kelten - quasi eine „Veredelung“, wie wir sie aus Dutzenden esoterischen Naturführern kennen - wirkt jedenfalls doppelt romantisierend und übt eine große Faszination auf entsprechend affine Menschen aus (mich persönlich eingeschlossen).
Umso erstaunlicher ist es, dass der Begriff, auch in der heimatkundlichen Bavarica, nur selten auftaucht.
Selbst die Druiden hätten wohl nicht vorhergesehen, dass sich eines Tages ein eiserner Lindwurm durch und über den jungfräulichen Leib schlängelt und an den zu Silberfäden verflochtenen Haaren der Jungfrau Menschen in fliegenden Hütten zum Gipfel hinauf- und hinabgleiten. Nicht einmal zu träumen gewagt hätten die weisen Mistelpflücker auch von jenen Bauwerken, die heute das Haupt der holden Maid zieren: der sonnenglänzenden Kuppel, die den Lauf der Gestirne verfolgt und einem gigantischen, metallenen Baum, der statt seines Samens bewegte Bilder in die Köpfe der Menschen pflanzt.
Doch zurück ins Hier & Heute. Das Thema wurde auch grafisch umgesetzt, und zwar vom niederbayerischen Künstler Gerhard Kadletz; womit sich der eingangs eröffnete (Künstler)kreis wieder schließt. Seine Interpretation der „schlafenden Jungfrau“ lässt sich an eher ungewöhnlicher Stelle betrachten: als gigantisches Fensterbild nahe dem Kreisverkehr der Straße Am Windfeld in Miesbach, auf der Lärmschutzwand des Hotels Bayerischer Hof.
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