Artikel getaggt mit "Brannenburg"

Die Biber in Brannenburg (Teil 1)

Gepostet von am Okt 16, 2015 in Allgemein | 1 Kommentar

Zum Frühjahrsbeginn am 21. März, noch unter dem Eindruck der partiellen Sonnenfinsternis, verabreden sich der Sedlbauer Done und ich uns Nachmittags zum Spaziergang über ein weithin unbekanntes Naturdenkmal.

Wie ein schlafender Bergriese aus dem nahen Wendelsteinmassiv liegt die Biber inmitten des beschaulichen Brannenburg. Was kaum jemand weiß: mit einer Fläche von 0,24 Qudratkilometern ist die Gesteinsinsel, die sich in der Ebene des Inntals erhebt, Bayerns größtes Naturdenkmal.

Das Massiv entstand während der letzten Eiszeit und besteht aus Konglomerat, das in unseren Breitengraden eher als Nagelfluh bekannt ist. Der Geologe definiert Konglomerat (vom lat. conglomerare, „zusammenballen“) als Verbindung aus grobkörnigem Kies und Geröll, das durch feinen Sand gekittet ist. Ein Prinzip, das unsere Vorfahren zur Erfindung des Beton inspirierte. Nicht umsonst nennt man den Nagelfluh im Volksmund auch „Herrgottsbeton“.

Der „Biberstein“ ist ein Baustoff der Kontraste. Beim Errichten von Bauernhöfen im Inntal und Chiemgau fand der natürliche Massivstein ebenso Verwendung wie bei Monumentalbauten in den Metropolen des Landes. Genannt seien hier exemplarisch der Glockenturm am Olympiastadion in Berlin, der anlässlich der berüchtigten Sommerspiele 1936 erbaut wurde, und das Portal der Ludwig-Maximilians-Universität in der Münchener Amalienstraße.

Bis zu 25 Meter erhebt sich die Biber über den Talboden.

Nach den Materialschweinereien der Nachkriegszeit - Stichwort Asbest - ist Nagelfluh wieder en vogue geworden. Back to the roots gewissermaßen. Für Nachschub sorgen an der Biber noch heute drei Steinbrüche, ihre Steilwände erreichen Höhen von bis zu 50 Metern. Ein imposantes Höhenprofil, vor allem wenn man bedenkt, dass sich die Biber nur maximal 25 Meter über den Talboden erhebt. Aber vom Maulwurf lernen heißt siegen lernen, und so arbeiteten sich die Sprengmeister auch in den Untergrund vor.

Von oben betrachtet, wirkt die Biber ganz schön angefressen. Mit dem gleichnamigen Nager hat sie aber nichts zu tun: die Wortherkunft ist unbekannt.

Mit der Biber ist es wie mit vielen - im Auge des Betrachters - schönen, aber nicht montanen oder gar alpinen Orten unserer Voralpenregion: sie verblassen schlichtweg im Schatten der nahen Berge und bleiben „Geheimtipp“ für Eingeweihte. Wer allerdings schon die Belagerung touristischer HotSpots wie dem Simsee oder einschlägiger bekannter Berggipfel durch Horden aus der Metropolregion München überleben erleben durfte, ist dankbar für diese verhältnismäßigen Oasen der Ruhe.

Von Dones Wohnort in der Madau, Bad Aiblings ehemaligem Glasscherbenviertel, währt die Fahrt an den Eingang des Inntals keine halbe Stunde. Mit dem Föhn-O-Mobil belegen wir frech einen Stellplatz gegenüber dem Posthotel in der Sudelfeldstraße.

Durch oberbayerisches Postkartenidyll mit Bächlein und Bergkulisse schlendern wir in Richtung des schattigen Etwas, das sich inmitten des Ortskerns von Brannenburg erhebt.
Neben einigen älteren Häusern, die sich an die waldigen Hänge der Biber drängen, entdecken wir auch zwei neue Gebäude auf ihr. Die Bauten, die man mit Fug und Recht als Anwesen bezeichnen kann, wurden in gerodeten Schneisen errichtet und lassen bei entsprechender Vegetation einen großartigen Blick ins Wendelsteingebiet zu. Die Herrschaften mit dem nötigen Kleingeld bleiben naturgemäß lieber unter sich, und so verwehrt uns das Schild Privatstraße unterhalb der Neubauten fürs Erste den Zugang zur Biber. Stattdessen biegen wir links ab in die Dapferstrasse und passieren die Metzgerei Kürmeier, bis zu einem steilen Forstweg, den zwei Halbstarke auf Mountainbikes zum Downhill missbrauchen; wohlgemerkt ohne Helm und mit dürftiger Radbeherrschung. Um Haaresbreite brettern uns die Kamikazes über den Haufen. Unbeeindruckt lassen wir die verhinderten Nachwuchs-Knochenbrecher hinter uns und folgen dem ansteigenden Wirtschaftsweg.

Der Weg führt am Rande eines Steinbruchs vorbei, mit guter Sicht auf den Petersberg.

Durch einen beliebigen deutschen Mischwald erreichen wir nach einigen Minuten ein circa vier Meter hohes Gebäude. Die hochliegenden, vergitterten Fenster betonen das industrielle Erscheinungsbild.
Der Bau wirkt hier merkwürdig deplatziert; in einem Anfall von Verfolgungswahn umgehen wir ihn getrennt. Doch törichte Spekulationen über eine oberbayerische „Area 52“ oder einen Bunker voller Wunderwaffen der Nazis weichen der Erkenntnis, dass es sich wohl um einen kommunalen Zweckbau handelt.

X-beliebiger deutscher Mischwald.

Hinter dem ominösen Gebäude wendet sich der Weg gen Süden. Ein wildromantischer Steig führt, von Bänken gesäumt, über den Westrand des Massivs.
Die noch spärliche Vegetation gibt den Blick auf Brannenburg und die umliegenden Berge frei. Dächer und Fenster glitzern in der tiefen Frühjahrssonne. Neben dem Gezwitscher der gefiederten Höhenbewohner dringt nur der vertraute Klang der Zivilisation zu uns hinauf. Bei schönstem Frühlingswetter und zu bester Feierabendzeit am Freitagnachmittag begegnete uns hier oben bisher noch keine Menschenseele.

Teil 2 wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Danke für Eure Geduld!

Mehr

Bury my shoe at wounded knee

Gepostet von am Jul 20, 2015 in Allgemein | 2 Kommentare

Endstation Reindleralm, heißt es für Bergkamerad Dekai und meine Wenigkeit bei unserer ersten Wendelsteinbesteigung: Materialermüdung zwingt uns zum ungeordneten Rückzug. Aber zurück auf Anfang.

Der Dekai ist ein Lebemann, und in seiner Heimat Brannenburg bekannt wie ein bunter Hund. Ein ebenso bunter wie wilder Hund, denn in seiner Freizeit verschießt er schon mal gerne Stahlkugeln mit der Schleuder, baut Marderfallen und schnupft Tabak ebenso wie hin und wieder auch Autos bei der Radlabfahrt über die Sudelfeldstraße.
Überhaupt ist es der Dekai, der mich zum Radlfahren bringt. Schon ein Jahr nachdem ich ihn in der Abschlussklasse kennenlerne, ist er, der bereits damals auf Aktienpaketen von Daimler-Benz und Nokia hockt wie der Drache auf seinem Goldschatz, im Besitz des legendären Tycoon von Steppenwolf. Woraufhin ich mit dem Erwerb des Scott G-Zero FX2 kontere, selbstredend beim gleichen Händler. Konditionell ist mir der Dekai, die wirklich hohen Berge vor der Haustür, allerdings meilenweit voraus.

Doch ein für einen waschechten Brannenburger unverzichtbares To-Do hat der Dekai bis dato versäumt: noch nie hat er den 1838 Meter hohen Wendelstein, einen der Brannenburger Hausberge, per pedes bezwungen.
Eine Scharte, die es auszuwetzen gilt. Und wieder ein Umstand, den wir gemeinsam haben.

Von den blauen Bergen kommen wir: der Weg zur Reindleralm.

Der Gipfel des 1838 Meter hohen Wendelstein.

So verabreden wir uns zur achten Stunde eines Samstages im Juli zum Gipfelsturm. Zwei Stunden währt unser Aufstieg, beginnend an der Talstation der Wendelsteinbahn. Zwei Stunden, in denen wir uns, nichts Böses ahnend, über Gott und die Welt unterhalten. Bei karger Brotzeit auf einer Bank knapp oberhalb der Reindleralm, am Anfang des Gipfelpfades, bin kurioserweise ich es, der das Malheur bemerkt:

An den ahnungslosen Träger adressierte die Sohle kein Servus, bevor sie sich - Achtung, Wortspiel - auf leisen Sohlen verabschiedete. War es womöglich der „Schinder“, jene berühmt-berüchtigte Steilpassage zwischen dem Haltepunkt Aipl und der Mitteralm, der die innige Beziehung zum Schuh beendete?

Auch wenn mir spontan Charlie Chaplins Festmahl aus dem Stummfilm „Goldfieber“ in den Sinn kommt, ist mir doch innerlich zum Heulen zumute. Den Gipfel zum Greifen nahe, wurde ich um meinen Höhenrausch betrogen; ja erfuhr geradezu den Coitus Interruptus des Berggehens! Kurzzeitig spiele ich mit dem Gedanken, den Sturm auf den Wendelstein im Alleingang fortzusetzen, bevor meine eherne Loyalität wieder die Oberhand gewinnt. Ein Freund, ein guter Freund…That’s what friends are for…Nicht nur die Musikwelt spricht gegen den einsamen Wolf. Auch im Volksmund heißt es bekanntlich: Mitgegangen, mitgehangen - so, wie nun auch die Sohle in der Luft hängt?

„Was tun?“, sprach Zeus. Zwar sind wir nicht auf dem Olymp, ohne Schuhsohle aber ist auch ein Abstieg aus 1400 Metern Höhe kein Zuckerschlecken. Als Kinder der 80’er Jahre kann es für uns nur einen Meister der Improvisation geben, der uns in dieser Situation als Vorbild dient; die Lösung, die uns dazu einfällt, ist aber eher Bear Grylls als McGyver. Während der Held unserer Kindheit wohl um einen selbstgebrauten Superkleber nicht verlegen gewesen wäre, fixieren wir die Sohle auf geradezu lächerlich profane Weise mit dem Schnürsenkel und nehmen den Rückweg in Angriff. Immerhin: noch hat sich die Sohle nicht auf ganzer Fläche gelöst.

Ein Imperium für Caligae: mit dem Schuh der römischen Legionäre wäre das nicht passiert.

Auf dem Rückweg gibt es Butter bei die Fische: der Dekai hat offensichtlich ein schlechtes Gewissen und fühlt sich zu einer Erklärung genötigt. Den Bergstiefel, den hat er sich von seinem Vater ausgeliehen. Unsachgemäß gelagert war der wohl. In einem stickigen, unbelüfteten Raum, bei direkter Sonneneinstrahlung und entsprechenden Temperaturen, bis sich auch der letzte Rest Klebstoff verflüchtigt hat und über die Raumluft geschnüffelt wurde.
Der Weg ins Tal gestaltet sich für den Dekai alles andere als komfortabel, bekanntlich hält aber nichts länger als ein Provisorium. Schwierigkeiten macht eher sein verdammter Stolz, der ihn nun dazu nötigt, bei Begegnungen mit anderen Wanderern das rechte Bein in der Deckung des linken nachzuziehen. Die Scharade hält er aber filmpreisverdächtig aufrecht; in den Mienen der Entgegenkommenden kann ich beim schlechtesten Willen keine Häme, Spott oder Mitleid erkennen. Auf die Befürchtung hin, die Leute hätten sich erst hinter der nächsten Biegung vor Lachen auf dem Boden gerollt, muss ich feststellen, dass wir talwärts weder von menschlichen Kugeln überholt noch überrollt wurden.

Das vielbeschworene Glück im Unglück sorgt wohl dafür, dass sich die Sohle erst auf Höhe von St. Margarethen komplett vom Schuh löst; von hier aus hat der Dekai noch geschätzte zwei Kilometer nach Hause. Ob er es im Nachgang Charlie Chaplin gleichtat und aus dem Schuh ein schmackhaftes Mittagessen bereitete, ist mir nicht bekannt.

Mehr

Eiszeit - Ein Besuchsbericht

Gepostet von am Jul 16, 2015 in Allgemein | Keine Kommentare

Ein Besuch am Rosenheimer See

Das Sippenoberhaupt saß am Ufer und warf verträumt Kiesel ins Wasser. Er verfolgte die erzeugten Wellenringe. Erst scharf und deutlich, dann nach kurzer Zeit, immer flacher und weicher, verschwanden sie wieder in der Wasseroberfläche. Er blickte auf den See hinaus, atmete den modrigen Algengeruch tief ein und seufzte. Vor zwei Sonnenläufen waren sie hier angekommen und nun versperrte ihnen dieses riesige Gewässer den Weg.
Sie waren auf einer Reise zu jenem Reich, aus dem die Sonne am Anfang eines jeden neuen Tages aufstieg um ihren langen Weg über den Himmel zu beginnen. Der älteste unter ihnen hatte den langen Marsch angeregt um den Winter am gut geheizten Rand des Sonnenpalastes zu verbringen. Und nun das. Der Weg um den See herum würde wohl eine halbe Mondphase dauern.

Könnte das Ufer des Sees so ausgesehen haben?

Er hatte dann aber überlegt, für eine Weile hierzubleiben um wieder Kraft zu schöpfen. Vielleicht würde Ihnen der See einen kleinen Teil seiner schwimmenden Köstlichkeiten gewähren. Es wäre eine willkommene Abwechslung ihres Speiseplans, der bisher hauptsächlich aus Fleisch, Wurzeln und Pilzen bestanden hatte. Außerdem brauchte seine Gefährtin einen Ort um den gemeinsamen Nachwuchs zur Welt zu bringen. Er war besorgt, denn in letzter Zeit waren gleich zwei Frauen seiner Sippe bei der Geburt gestorben. Die Trauer war bis heute unter den Leuten zu spüren. Und ein Plätzchen wie dieses mit Zugang zu frischem Trinkwasser und Nahrung war für diese kritische Zeit genau das was sie brauchten. Es gab ihnen ein wenig Sicherheit, auch wenn sich dann die Reise verzögern würde.
Den Kopf voll mit Sorge, beobachtete er die hohen Wolkentürme, die schwerfällig übers ebene Blau des Wassers zogen. Blickte er in die Richtung ihres gewünschten Zieles, so konnte er kein gegenüber liegendes Ufer erkennen, so groß war die Wasserfläche. Wenn er allerdings nach rechts sah, blickte er auf das Ende eines großen Eisflusses, der nicht weit von hier in den See mündete. Schon vor vielen Tagen hatten sie ihn entdeckt, lange bevor sie ans Wasser gelangt waren. Unter lautem Getöse brachen immer wieder große Eisblöcke ab und sanken behäbig ins dunkle Wasser das sofort darauf große Wellen hervorbrachte. Gleichmäßig durchliefen sie dann den See. Sie mussten jedes Mal darauf achten nicht zu nah am Wasser zu sein, wenn die großen Wellen ans Ufer brachen. In der Ferne konnte er Felsspitzen im Eisstrom sehen. Waren sie hindurch geschoben, oder floss das Eis um sie herum?
Die Gruppe bestand aus so vielen großen Menschen, wie er Finger an beiden Händen und Zehen am linken Fuß hatte. Darunter die Frauen die alle Finger seiner linken und zwei Finger seiner rechten Hand zählten. Die Männer besetzten die restlichen drei Finger seiner rechten Hand und drei Zehen seines linken Fußes. Alle fünf Zehen seines rechten Fußes waren den Kleinen unter Ihnen zugeordnet.
In der Mitte des Lagers, bei der Feuerstelle wurde mit blutigen Händen ein Wildschwein zerlegt. Die mutigsten unter ihnen hatten es am frühen Morgen erfolgreich gejagt. Die vorher abgezogene Haut lag nun ausgebreitet auf einem Stein. Die Sonne sollte sie im Laufe der nächsten Tage trocknen. Wenn dies geschehen war, würden sie die Haut zu Ihrer Ledersammlung packen. Kleidung für Körper und Füße wurden aus den schöneren Teilen gemacht. Die unbrauchbaren Reste wurden dann zu Zeltdächern zusammengenäht. Ein paar Frauen säuberten die abgeschlagenen Reißzähne des Tieres. Sie würden später als Werkzeuge dienen oder als Schmuck verwendet.
Im Seichten Wasser des Ufers unternahmen die Kinder unter Aufsicht mehrerer Männer ihre ersten Schwimmversuche. Mit lachenden Gesichtern und hellen Schreien tobten sie durchs kalte Nass. Mit starken Armen wurden die jungen Schwimmer gestützt um sich auf die wesentlichen Bewegungen zu konzentrieren. Der Spaß wurde jedoch augenblicklich unterbrochen, als ein lauter Knall die Luft zerriss. Ein weiterer Eisblock hatte sich von der gigantischen Zunge gelöst und sank in tosendes, aufgewühltes Wasser. Sofort durchlief die ausgelöste Welle den See und es würde nicht lange dauern bis sie die Gruppe erreichte. Mit den Kindern an der Hand wateten die Männer aus dem Wasser und stiegen das steile Ufer hinauf um das Spektakel aus sicherer Distanz zu verfolgen. Viele Atemzüge dauerte es bis die Welle den flacher werdenden Rand erreichte und mit schäumender Wut aufs Land schwappte. Hüpfend vor Aufregung und mit zeigenden Fingern beobachteten die Kinder das gewaltige Schauspiel. Viele Wellen folgten noch, doch sie wurden mit jeder darauf folgenden kleiner und kleiner.
Der Anführer riss sich schließlich von seinen Gedanken los und begab sich zurück zu den Zelten. Er durchquerte das Lager bis zu einem der wenigen Bäume die es hier gab. Einer der Männer war auf einen der unteren Äste geklettert und blickte nun mit forschendem Auge ins weite Grasland. Auf seine Frage ob wilde Tiere im Gras zu sehen seien, bekam er entspanntes Kopfschütteln aus dem Baum. Er wusste aber, dass im hohen Gras einige Gefahren lauerten und nur darauf warteten, dass sich ein Kind von dem Menschenhaufen entfernte um seiner Neugier nachzugeben. Dann war es meistens zu spät um dem unerfahrenen Nachwuchs noch zu helfen. Säbelzahnkatzen waren flinke Jäger.
Später, als die Sonne bereits den größten Teil Ihres Pfades im unendlichen Blau über Ihnen zurückgelegt hatte, versammelte sich die Gemeinschaft zum Essen. Rotes Muskelfleisch wurde auf Äste gesteckt und über der Glut zischend erhitzt. Mit fettigen Fingern und Essgeräuschen, die großen Genuß verrieten, wurde zusammen gegessen und gelacht. Zusätzlich zum Fleisch wurden Lederbeutel mit Nüssen und Früchten herumgereicht. Eine junge Frau kaute etwas Fleisch in ihrem Mund vor um es einem älteren Mann, dessen Lächeln nur wenige Zähne zierten, als Brei zu reichen. Die Kinder tobten zwischen den Erwachsenen und freuten sich über die süßen Beeren.
Nach dem reichhaltigen Mahl zogen sich einige in ihre Zelte, zur Nachtruhe zurück. Die Sonne war bereits in den Schoß von Mutter Erde hinabgestiegen und überließ es nun ihrem kleinen Bruder den Nachthimmel zu durchwandern.
Das Oberhaupt und seine Gefährtin saßen noch an der glimmenden Feuerstelle und genossen die Wärme. Er streichelte ihren Bauch in der Erwartung eine Bewegung zu spüren. Ging es seinem Kind da drinnen gut? Bevor sie sich wenig später auf ihr Lager niederlegten knobelten die Männer noch aus wer den ersten Teil der Nachtwache hatte. Damit die Sippe in Sicherheit schlafen konnte hielten die Männer besonders in der Dunkelheit Ausschau nach wilden Tieren.
In Felle gewickelt und unter dem gespannten Lederdach versuchten sie zu schlafen. Er lag noch lange wach und grübelte. Was würden die nächsten Tage bringen? Wie mussten sie das Lager noch weiter absichern um die Zeit bis zur Geburt angenehm zu überstehen? Wie lange würde es dann dauern den See zu umgehen? Würden sie es dann noch rechtzeitig vor dem langen Winter schaffen ins wärmere Sonnenland zu gelangen? Mit all diesen Gedanken im Kopf schlief er schließlich ein und träumte von dem stattlichen Jäger oder der schönen Frau, welche in Kürze auf die Welt kam.

Die Gegenwart

Diese kurze Geschichte habe ich geschrieben um mir eine bessere Vorstellung davon zu machen, wie ein Tag am am Ufer des Rosenheimer Sees am Ende der letzten Kaltzeit vor etwa 15000 Jahren ausgesehen haben könnte.
Ich gebe zu, dass Naivität und Romantik in meiner Erzählung die Wirklichkeit wohl verwaschen. Aber wissen wir denn wirklich so genau wie es damals aussah? Das es in dieser Gegend Europas zu jener Zeit Menschen gab ist belegt. Wie sie aber ihren Alltag bewältigten, kann niemand mit Sicherheit sagen. Wie haben sie ihren Tag verbracht? Welche Rollen fielen Männern und Frauen wirklich zu? Waren die Männer wirklich immer die Jäger? In meiner Erzählung setze ich diese kleine Gruppe verirrter Steinzeitmenschen ans westliche Ende des riesigen Sees. Etwa dort sollte viele Tausende Jahre später der schöne Ort Brannenburg entstehen. Für mich ist es faszinierend zu wissen, dass schon vor so langer Zeit Menschen an diesem Ort lebten, sich kulturell austauschten und ihre ganz eigenen Alltagsprobleme zu bewältigen hatten.
Wenn Ihr also wieder einmal mit „Problemen“ zu kämpfen habt, wenn ihr im Stau steht, im Fernsehen einfach nichts Gutes läuft oder der Nachbar mal wieder den Rasen am Sonntag mäht, dann denkt daran, in einer anderen Zeit am gleichen Ort könnte ein Raubtier genau hinter Euch im hohen Gras lauern. Immer bereit zum Sprung.

Das Rosenheimer Becken und der See

Wäre aus heutigen Passagierflugzeugen wohl ein absolutes Highlight. Der große Bruder des Chiemsee.

Als sich zur Eiszeit der Inngletscher ins Flachland schob, schürfte er dabei das Rosenheimer Becken aus und schob an seinen Rändern die typischen Endmoränen auf. Unser Alpenvorland ist geprägt von diesem hügeligen Erbe. Aus dem Inntal herab kriechend, reichte die Eiszunge schließlich bis Wasserburg. Nach tausenden Jahren hatte sich das Klima schließlich wieder so weit erwärmt, dass der Eisstrom zu schmelzen begann. Der Rosenheimer See war das Resultat. Aufgestaut im tiefen Becken erreichte der See eine Größe, welche der des heutigen Bodensees entspricht. Von Oberaudorf bis Wasserburg in der Nord-Süd- und von Bruckmühl bis Bad Endorf in der Ost-West-Achse erstreckte sich das alte „Bayerische Meer“.
Der Simssee ist der letzte Rest, welcher noch heute übrig ist.

Nur wenigen Badegästen dürfte bewusst sein, in welch alter Pfütze sie gerade schwimmen. Der Simssee in der Abenddämmerung.

Mehr