Rendezvous mit den Göttern
Die Maierhöfen-Trilogie geht weiter: den Eistobel, Great Canyon des Westallgäus, links - naja, eigentlich rechts liegen gelassen, geht es weiter nach Grünenbach.
Nur ein weiteres verschlafenes Dorf, wie es sie allein im Allgäu zu Dutzenden gibt. Das wäre Grünenbach ohne Staatsstraße. So reichte es immerhin zu einer Sparkasse: doch weder sexy Zinskonditionen noch eine attraktive Bankangestellte sind es, die mich hierher locken.
Grünenbachs „Kult- und Thingplatz“ fällt dem aufmerksamen Betrachter gleich am östlichen Ortseingang ins Auge. Majestätisch wie die Zacken einer Krone ragen Eschen in den klaren Herbsthimmel.
Der Name Grünenbach leitet sich von der Ortsbezeichnung „am grünen Bach“ ab, und der entspringt direkt unterhalb des Kultplatzes. Selbst vom Drahtesel aus ist aber nur sein Schilfgürtel zu sehen.
Die Suche nach dem Zugang zur Kultstätte gleicht einer (Land)partie „Das Verrückte Labyrinth“. Vorbei an bäuerlichen Anwesen, kleinen Handwerksbetrieben und verschachtelten Wohnhäusern, endet meine Queste am südöstlichen Ortsrand vor einer Reihe Abfallcontainer; eine wenig illustre Formation, die in krassem Gegensatz zu der rund 50 Meter entfernten Erhebung steht.
Ein Weidezaun hindert mich an der näheren Inaugenscheinnahme. Die Gedenktafel des „Kult- und Thingplatz der Schönau (an der Quelle des grünen Baches)“ bekomme ich nicht zu Gesicht. Errichtet wurde sie in den 1930er Jahren - vermutlich von den Nationalsozialisten, zur Rückbesinnung auf „völkisches Erbe“.
Tatsächlich ist der Hügel ein überwucherter „erratischer Block“ - ein auf Irrwegen hierher gelangter Felsbrocken, in diesem Fall ein Nagelfluhblock. Welche Naturgewalt den sieben Meter langen Stein auch nach Grünenbach beförderte - sie ist nicht verantwortlich für die Begradigungen, die man an zwei Seiten entdeckte. Wie Brandspuren, Knochen und Scherben sind sie Hinterlassenschaften menschlicher Steinhauer, die mit Schanzarbeiten wohl auch die Stufenform der Anlage herstellten. Unweit entfernt förderten in den 70’er Jahren Erdbewegungen für ein Neubaugebiet Reste römischer Straßenpflasterung zutage. Vermutet wird eine lokale Verbindung von Brigantium (Bregenz) über Vermani (Isny) nach Cambodunum (Kempten).
Die Urheber des Kultplatzes entkamen unerkannt im Dickicht der Geschichte. Bauten die keltischen Vindeliker die heilige Stätte? Oder trafen sich hier tatsächlich germanische Alemannen zum Thing - der Volks- und Gerichtsversammlung, nachdem sie um 500 den Limes überrannt und auch das Allgäu besetzt hatten? War es vielleicht eine Kombination aus beidem, gewissermaßen eine interkulturelle und -konfessionelle Nutzung nach Wachablösung der Kelten durch die Germanen?
Im Lichte der Herbstsonne werden die Schatten der Eschen länger. Von meinem Standort bei den Mülltonnen entdecke ich einen weiteren auffälligen Baumhügel ausserhalb des Dorfes.
Es scheint, Grünenbach wäre für Archäologen wie Geomantiker ein reiches Betätigungsfeld.
Ein Wirrwarr von plötzlich beginnenden und abrupt im Nichts endenden Feldwegen und Trampelpfaden hindert mich jedoch auch hier daran, die Örtlichkeit näher zu erkunden. So bleibt es buchstäblich beim „Sightseeing“, bis ich zurück in mein Feriendomizil im fünf Kilometer entfernten Maierhöfen radele.
Ganz Deutschland spricht von der grünen Grenze - ich war vor Ort. In den nächsten Tage folgt der dritte und letzte Teil der Maierhöfen-Trilogie.
MehrDie schlafende Jungfrau
Diese bildhafte Umschreibung für das Wendelsteinmassiv hörte ich das erste Mal im Schuljahr 1996/97 aus dem Mund meines damaligen Kunstlehrers Reinhold Gallus Pichler, seines Zeichens auch namhafter Kreativer aus dem Dunstkreis des Kunstvereins Bad Aibling. Ein erwähnenswertes Faktum, denn auf die Kunst werden wir noch zurückkommen.
Das den Terminus schon die keltischen Bewohner des Landes unter dem Wendelstein gebrauchten, ist mangels schriftlicher Überlieferungen nicht belegbar. Die Verschmelzung elementarer Ikonen mit der Kultur der Kelten - quasi eine „Veredelung“, wie wir sie aus Dutzenden esoterischen Naturführern kennen - wirkt jedenfalls doppelt romantisierend und übt eine große Faszination auf entsprechend affine Menschen aus (mich persönlich eingeschlossen).
Umso erstaunlicher ist es, dass der Begriff, auch in der heimatkundlichen Bavarica, nur selten auftaucht.
Selbst die Druiden hätten wohl nicht vorhergesehen, dass sich eines Tages ein eiserner Lindwurm durch und über den jungfräulichen Leib schlängelt und an den zu Silberfäden verflochtenen Haaren der Jungfrau Menschen in fliegenden Hütten zum Gipfel hinauf- und hinabgleiten. Nicht einmal zu träumen gewagt hätten die weisen Mistelpflücker auch von jenen Bauwerken, die heute das Haupt der holden Maid zieren: der sonnenglänzenden Kuppel, die den Lauf der Gestirne verfolgt und einem gigantischen, metallenen Baum, der statt seines Samens bewegte Bilder in die Köpfe der Menschen pflanzt.
Doch zurück ins Hier & Heute. Das Thema wurde auch grafisch umgesetzt, und zwar vom niederbayerischen Künstler Gerhard Kadletz; womit sich der eingangs eröffnete (Künstler)kreis wieder schließt. Seine Interpretation der „schlafenden Jungfrau“ lässt sich an eher ungewöhnlicher Stelle betrachten: als gigantisches Fensterbild nahe dem Kreisverkehr der Straße Am Windfeld in Miesbach, auf der Lärmschutzwand des Hotels Bayerischer Hof.
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