Ein besonderer Einwanderer
In diesem Beitrag möchte ich einen ganz besonderen Immigranten wieder in Erinnerung bringen. 2006 wollte er nach Bayern einwandern, weil es ihm bei uns wohl recht gut gefiel. Landwirtschaft und Politik zeigten sich wenig begeistert, doch der größere Teil der Bevölkerung hätte ihn, Umfragen zufolge, mit offenen Armen empfangen. Am Ende führte ihn sein Weg zu uns in einen fragwürdigen Tod. Die Rede ist von Bruno, dem Borderline Bären.
Zur Erinnerung
Am 20. Mai 2006 überquerte der zweijährige Bruno erstmals die Grenze nach Deutschland und war somit der erste freilebende Bär seit 170 Jahren bei uns. Er war Nachkomme eines in Norditalien ausgewilderten Bärenpaares. Die Bevölkerung war begeistert und Naturschützer voller Hoffnung auf eine Zukunft mit Bären. Auf dass sie es den Wölfen gleich tun würden. Doch nachdem Bruno sich beim Nutzvieh lokaler Landwirte bedient hatte um sich für den weiteren Weg zu stärken, schlug die Stimmung schnell um. Erste Rufe nach Intervention wurden laut. Aufgebrachte Landwirte wendeten sich an die Politik und so nahm das Drama seinen Lauf. Die mit dieser Situation völlig überforderten Politiker mussten bald erkennen, dass sich Bruno nicht mit inhaltslosen Floskeln und Schuldzuweisungen vertreiben lies. Ihre üblichen Werkzeuge waren gänzlich nutzlos. Nun wurde Bruno Opfer eines etablierten politischen Verfahrens in welchem unerwünschte Situationen oder Personen mit negativen Assoziationen beladen werden. Bruno wurde zum Problembär. Als sich der pelzige Wanderer dann auch noch weigerte sich einfangen zu lassen, wurde sein Abschuss beschlossen.
Der Umgang mit Bruno
Der kleine Bär hatte es geschafft, einen ganzen Monat lang die Politik zu verwirren, den Medien durch das Sommerloch zu helfen, den bayerischen Jagdverbänden auf der Nase herumzutanzen und den Naturschützern Hoffnung und Begeisterung ins Gesicht zu zaubern. Ein finnisches Team von Bärenjägern hatte er wochenlang durchs Gehölz irren lassen und schließlich mit einer dicken Niederlage im Gepäck wieder in den Norden geschickt. Ich kann nur sagen, Bruno du bist mein Held des Jahres 2006! Wenn ein zweijähriger Bär einen ganzen Monat lang derart Verwirrung und Chaos in einer modernen Regierung wie der unseren verursacht, hat er sich definitiv unseren Respekt verdient. In den frühen Morgenstunden des 26. Juni 2006 lief Bruno dann aber doch seinem Schicksal vors Visier. In der Nähe der Kümpflalm an der Rotwand verendete er. Ob Bruno nun zu wenig Angst vor Menschen hatte und sich deswegen oft in ihre Nähe begab, sei den Experten überlassen. Ihn aber zu töten, nur um dem Druck der Landwirtschaft zu entgehen und die Politik in einem durchsetzungsstarken Licht erscheinen zu lassen, ist an Armseligkeit nur schwer zu überbieten. Jener Bevölkerungsanteil, welcher sich für die Beseitigung von Bruno aussprach ist natürlich nicht bekannt, aber es dürften offensichtlich Menschen gewesen sein, die sich bereits als Opfer sahen.
Parallele mit der Gegenwart
Ich sehe heute einige Parallelen mit dem Fall von 2006. Unlängst sind weitere Tier- und Insektenarten in Deutschland angekommen, die nur zu gerne wieder entfernt werden würden. Vor kurzem wurden Wölfe in Norddeutschland zu eben jenem Sündenbock gemacht, wie damals Bruno. Ein gerissener Hund war der Anlass Panik zu schüren und dem Wolf wieder einmal ein schlechtes Image zu verpassen. Ebenso wurden erschossene Luchse im bayerischen Wald dazu benutzt, neue Keile zu treiben. Und der aus Italien über die Alpen gewanderte Dornfinger hatte deutschen Boulevardzeitungen Grund zu allerlei spekulativem Blödsinn gegeben. Mutter Natur zeigt uns mit diesen unerwünschten Immigranten ein weiteres Mal, wie egal ihr unsere politischen Grenzen sind.
Und auch bei den zahlreich zu uns strömenden Flüchtlingen aus aller Welt zeichnen sich deutliche Tendenzen der Ablehnung ab. Wollen wir hoffen, dass unsere Gesellschaft für sie eine bessere Alternative als den Abschuss findet. Ich habe schon öfter Kommentare von scheinbar geistesgegenwärtigen Menschen hören müssen, die mit den Flüchtlingen ähnlich verfahren würden wie mit Bruno. Unser deutsches Sicherheitsdenken hat leider bereits Ausmaße angenommen die als krankhaft zu bezeichnen sind und nicht mehr viel mit einem gesunden Menschenverstand gemein haben. Eine Schande für unser schönes Deutschland!
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