Bury my shoe at wounded knee

Gepostet von am Jul 20, 2015 in Allgemein | 2 Kommentare

Endstation Reindleralm, heißt es für Bergkamerad Dekai und meine Wenigkeit bei unserer ersten Wendelsteinbesteigung: Materialermüdung zwingt uns zum ungeordneten Rückzug. Aber zurück auf Anfang.

Der Dekai ist ein Lebemann, und in seiner Heimat Brannenburg bekannt wie ein bunter Hund. Ein ebenso bunter wie wilder Hund, denn in seiner Freizeit verschießt er schon mal gerne Stahlkugeln mit der Schleuder, baut Marderfallen und schnupft Tabak ebenso wie hin und wieder auch Autos bei der Radlabfahrt über die Sudelfeldstraße.
Überhaupt ist es der Dekai, der mich zum Radlfahren bringt. Schon ein Jahr nachdem ich ihn in der Abschlussklasse kennenlerne, ist er, der bereits damals auf Aktienpaketen von Daimler-Benz und Nokia hockt wie der Drache auf seinem Goldschatz, im Besitz des legendären Tycoon von Steppenwolf. Woraufhin ich mit dem Erwerb des Scott G-Zero FX2 kontere, selbstredend beim gleichen Händler. Konditionell ist mir der Dekai, die wirklich hohen Berge vor der Haustür, allerdings meilenweit voraus.

Doch ein für einen waschechten Brannenburger unverzichtbares To-Do hat der Dekai bis dato versäumt: noch nie hat er den 1838 Meter hohen Wendelstein, einen der Brannenburger Hausberge, per pedes bezwungen.
Eine Scharte, die es auszuwetzen gilt. Und wieder ein Umstand, den wir gemeinsam haben.

Von den blauen Bergen kommen wir: der Weg zur Reindleralm.

Der Gipfel des 1838 Meter hohen Wendelstein.

So verabreden wir uns zur achten Stunde eines Samstages im Juli zum Gipfelsturm. Zwei Stunden währt unser Aufstieg, beginnend an der Talstation der Wendelsteinbahn. Zwei Stunden, in denen wir uns, nichts Böses ahnend, über Gott und die Welt unterhalten. Bei karger Brotzeit auf einer Bank knapp oberhalb der Reindleralm, am Anfang des Gipfelpfades, bin kurioserweise ich es, der das Malheur bemerkt:

An den ahnungslosen Träger adressierte die Sohle kein Servus, bevor sie sich - Achtung, Wortspiel - auf leisen Sohlen verabschiedete. War es womöglich der „Schinder“, jene berühmt-berüchtigte Steilpassage zwischen dem Haltepunkt Aipl und der Mitteralm, der die innige Beziehung zum Schuh beendete?

Auch wenn mir spontan Charlie Chaplins Festmahl aus dem Stummfilm „Goldfieber“ in den Sinn kommt, ist mir doch innerlich zum Heulen zumute. Den Gipfel zum Greifen nahe, wurde ich um meinen Höhenrausch betrogen; ja erfuhr geradezu den Coitus Interruptus des Berggehens! Kurzzeitig spiele ich mit dem Gedanken, den Sturm auf den Wendelstein im Alleingang fortzusetzen, bevor meine eherne Loyalität wieder die Oberhand gewinnt. Ein Freund, ein guter Freund…That’s what friends are for…Nicht nur die Musikwelt spricht gegen den einsamen Wolf. Auch im Volksmund heißt es bekanntlich: Mitgegangen, mitgehangen - so, wie nun auch die Sohle in der Luft hängt?

„Was tun?“, sprach Zeus. Zwar sind wir nicht auf dem Olymp, ohne Schuhsohle aber ist auch ein Abstieg aus 1400 Metern Höhe kein Zuckerschlecken. Als Kinder der 80’er Jahre kann es für uns nur einen Meister der Improvisation geben, der uns in dieser Situation als Vorbild dient; die Lösung, die uns dazu einfällt, ist aber eher Bear Grylls als McGyver. Während der Held unserer Kindheit wohl um einen selbstgebrauten Superkleber nicht verlegen gewesen wäre, fixieren wir die Sohle auf geradezu lächerlich profane Weise mit dem Schnürsenkel und nehmen den Rückweg in Angriff. Immerhin: noch hat sich die Sohle nicht auf ganzer Fläche gelöst.

Ein Imperium für Caligae: mit dem Schuh der römischen Legionäre wäre das nicht passiert.

Auf dem Rückweg gibt es Butter bei die Fische: der Dekai hat offensichtlich ein schlechtes Gewissen und fühlt sich zu einer Erklärung genötigt. Den Bergstiefel, den hat er sich von seinem Vater ausgeliehen. Unsachgemäß gelagert war der wohl. In einem stickigen, unbelüfteten Raum, bei direkter Sonneneinstrahlung und entsprechenden Temperaturen, bis sich auch der letzte Rest Klebstoff verflüchtigt hat und über die Raumluft geschnüffelt wurde.
Der Weg ins Tal gestaltet sich für den Dekai alles andere als komfortabel, bekanntlich hält aber nichts länger als ein Provisorium. Schwierigkeiten macht eher sein verdammter Stolz, der ihn nun dazu nötigt, bei Begegnungen mit anderen Wanderern das rechte Bein in der Deckung des linken nachzuziehen. Die Scharade hält er aber filmpreisverdächtig aufrecht; in den Mienen der Entgegenkommenden kann ich beim schlechtesten Willen keine Häme, Spott oder Mitleid erkennen. Auf die Befürchtung hin, die Leute hätten sich erst hinter der nächsten Biegung vor Lachen auf dem Boden gerollt, muss ich feststellen, dass wir talwärts weder von menschlichen Kugeln überholt noch überrollt wurden.

Das vielbeschworene Glück im Unglück sorgt wohl dafür, dass sich die Sohle erst auf Höhe von St. Margarethen komplett vom Schuh löst; von hier aus hat der Dekai noch geschätzte zwei Kilometer nach Hause. Ob er es im Nachgang Charlie Chaplin gleichtat und aus dem Schuh ein schmackhaftes Mittagessen bereitete, ist mir nicht bekannt.

2 Kommentare

  1. Dafür hat man immer ein Stück Panzertape im Rucksack 😉
    Das mit der Sohle ist übrigens kein Einzelfall… waren letztes Jahr auf der Fiderepasshütte, da hatte eine Frau das gleiche Problem.

    • Servus Thomas,
      besser ist das! Unter uns gesagt, handelte es sich bei dem Fabrikat um die Eigenmarke einer großen Sporthauskette; Karstadt Sport oder Intersport, so genau weiß ich’s nicht mehr. Der Spruch „Wer billig kauft, kauft zwei Mal“ hat eben doch hin und wieder seine Berechtigung. Schlechte Pflege und Lagerung trugen dann noch ihren Teil dazu bei…
      Grüße
      Jens

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