Einst war das ebenso regulierte wie wirtschaftlich erschlossene Jenbachtal oberhalb von Feilnbach Schauplatz archaischer Sagen. Wo sich heute Ströme von Bergwanderern und -radlern ergießen, spielten sich wilde Jagdszenen ab.
Der Rackersee, im oberen Jenbachtal zwischen Maier Alpe und Wirtsalm gelegen, war ein Antagonismus zu idyllischen Voralpengewässern wie dem Spitzingsee. Bedrückende Stille lastete in seiner Umgebung, denn keine Grille zirpte, kein Frosch quakte und kein Vogel sang in seiner Nähe. Sogar den Überflug verweigerten die gefiederten Freunde, gar so als sei der Luftraum militärisch geschützte Flugverbotszone. Auch die übrigen Talbewohner, tierischer wie menschlicher Natur, mieden den See, und wenn sich doch einmal jemand traute, vom tückisch sumpfigen Ufer in die Tiefe zu starren, erblickte er am Grund des Sees, klein und verschwommen wie in einer Schneekugel, ein ganzes Dorf samt Kirche und einem Schloss mit Türmen und zinnenbewehrten Mauern.
Denn von Alters her war der Rackersee verflucht. Düstere Legenden der Altvorderen rankten sich um das Gewässer unterhalb der steilen Felswände des Breitenstein. Besonders furchteinflößend wurde es nach Einbruch der Dunkelheit. Dann nämlich wandelte sich der ruhige Bergsee, in dem sich die schroffen Gipfel von Wendelstein und Breitenstein spiegelten, zum tosenden Wildwasser. Von einem schwarzen Sechsspänner ist die Rede, mit dem der unterseeische Schlossherr, begleitet von Blitz und Donner, aus dem aufgewühlten Wasser auftauchte. Nach einer Ausfahrt durchs Tal nahm er Kurs auf die Schwarzwand, in der er mit einem lauten Knall verschwand.
Ebenso überliefert ist ein einsamer Reiter mit wehendem Mantel. Wie ein Henker sprengte dieser derart über die unbefestigten Wege des Jenbachtals, dass die vom Hufschlag aufgewirbelten Steine prompt einmal einen Bauern verletzten. Obwohl auch hinter dieser Erscheinung der Schlossherr vermutet wurde, dessen Gemäuer einst aus nicht näher genannten Gründen in den Fluten des Rackersee versank (Blasphemie war seinerzeit ein heiß gehandelter Anlass für derlei Schicksale), können beide Geschichten wohl getrost als Manifestationen der Wilden Jagd gedeutet werden. Das der uralte Volksglaube vom fliegenden Heer der Toten im bayerischen Oberland omnipräsent war, bezeugt das Buch Sagen und Legenden um Miesbach und Holzkirchen von Gisela Schinzel-Penth. Heutzutage jedenfalls müssen Besucher des Jenbachtals weniger versprengten Reitern und Sechsspännern ausweichen, als vielmehr Mountainbikern, die auf hochtechnisierten Gefährten durch Tals rauschen.
Aber es gibt noch mehr zu berichten. So war der See bei Unwettern stetes Ziel des Gewittergottes Donar. Ein ums andere Mal fanden seine Blitze den Weg hinab von den schwarzen Wolken auf die Wasseroberfläche.
mit den Pfoten ist verboten.“
der Jenbach und sein Geschiebe.
Another brick in the wall
Der Rackersee war ein letzter, kräftiger Schluck jenes Sees, der nach Ende der letzten Eiszeit vor 18.000 Jahren das obere Jenbachtal bedeckte. Eine Moräne, die der Inn-Gletscher wie eine natürliche Staumauer aus Gesteinsschutt, Sand und Lehm eingezogen hatte, riegelte das Tal ab. Dahinter sammelten sich Niederschlag und Schmelzwasser, bis im Laufe der Zeit der Druck zu groß wurde: Wasser und erodiertes Material schlugen eine Bresche in den Moränenwall, der Jenbach ergoß sich ins Rosenheimer Becken und fräste sein heutiges Bett aus.
Im Gegensatz zu seinem Urahn hielt sich der Rackersee bis in die Neuzeit über Wasser, bevor er in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts aus unerfindlichen Gründen erneut abfloss und wieder einmal das Jenbachtal überschwemmte. Jahr für Jahr schritt die Verlandung des verbliebenen Restes ein Stück weit fort. Maß der See 1815 noch 150 Schritt Länge und 40 Schritt Breite (ein Schritt entsprach etwas zwischen 0,71 und 0,75m, umgerechnet also ca. 112 x 30 Meter), fanden wir bei unserem Besuch zweihundert Jahre später Anfang August 2015 nur eine mehr oder weniger feuchte, ca. zwei Quadratmeter große Sumpfwiese vor.
[box type=“info“]Parken gegen ein Tagesentgelt von 2,-€ auf dem Wanderparkplatz am südlichen Ende der Wendelsteinstr., gegenüber dem Gasthaus Millau.[/box]
Quellen:
- Gisela Schinzel-Peth: Sagen und Legenden um Miesbach und Holzkirchen: Landkreis Miesbach mit Tegernsee, Schliersee, Spitzingsee, Seehamer See. Ambro Lacus, 2. Auflage 2004
- Robert Eberhard: Land unter dem Wendelstein. Bayernland, 3. Auflage 2003
J. Furtwängler
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